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Auf den Spuren der "Hölzerlips-Bande" in Ferdinandsdorf

Mudau/Reisenbach. Sie mouschelten, malochten, waren schoufl und kannten Schmu ebenso wie Schlamassel.

Verstanden wurden sie nur von gleich Gesinnten, die Hölzerlips-Bandenmitglieder in ihrem„Jenisch“ (kluge Sprache) oder „Rotwelsch“ (von rot = falsch und Wesch = unververständlich). Es war eine reine Kunstsprache der Vagantenbevölkerung, doch ein Teil hat die Zeit überdauert und ganz sicher hat der Mythos der Odenwälder Räuberbanden noch heute magnetische Wirkung. Das wurde deutlich in der Auftaktveranstaltung des Mudauer Sommerprogramms 2009 unter dem Titel „Einst besessen – heute vergessen“. Über einhundert Interessierte schlossen sich Geopark-Vor-Ort-Begleiter Hans Slama und seinen „Kumpanen von der Hölzerlipsbande“ rd. drei Stunden lang an, um an ihrem Leben im Reisenbacher Grund, beim Felsenhaus oder dem Steinernen Tisch bis zu den Ruinen des verschwundenen Ferdinandsdorf teilhaben zu können. Und sie wurden nicht enttäuscht. Sie konnten die Bande nicht nur „belauschen und bespitzeln“ als sie den großen und vermutlich brutalsten Coup ihrer Zeit planten, und wie bittere Armut die an sich gutmütigen Bandenmitglieder alle Skrupel vergessen ließ. Sie konnten auch zusehen, wie die Bande die Kutsche „malochte“, und den ein Schweizer Kaufmann tötete. Die kulturgeschichtlich interessierten Wanderer erlebten in diesem Theaterstück von Rüdiger von Bergmann auch das Ende von „Hölzerlips“ Georg Philipp Lang, der mit drei seiner Bandenmitglieder in Heidelberg zum Tod durch das Schwert verurteilt wurde. Der Name „Hölzerlips“ ist eine Kombination von Philipp und Handel mit Holzwaren. Seine Kumpanen waren „Mannefriedrich“, der ursprünglich mit selbst gefertigten Körben = Mannen gehandelt hat und Krämer Mathes. Er war Krämer mit Bauchladen, auch Veitkrämer war ein solcher Decknamen. Peter Eichler stammte aus Hainstadt und nannte sich Drehers Peter oder Hainstadter Peter und Johann Bauer aus Schefflenz war der „Schefflenzer Bub“. Der „Basti“ Sebastian Lutz stammte aus Neckargerach und die Eltern waren ebenfalls Vaganten. Die Bevölkerung, der die unglaubliche Not im Odenwald bekannt war, sah in den Verurteilen wahre Helden und ihre Raubzüge aufgrund der Protokolle bei der Gerichtsverhandlung mit anderen Augen als die Obrigkeit und noch heute sagen die Menschen auf dem Winterhauch, wenn sich schlechte Zeiten ankündigen : "Wenn es so weitergeht kommen wieder richtige Hölzerlipszeiten". Doch Hans Slama brachte seinen Zuhörern auch mit den Gegebenheiten der 1712 von Graf Ferdinand Andreas von Wiser gegründeten Ortschaften Ober- und Unterferdinandsdorf bekannt. Die Bewohner waren in dieser unfruchtbaren kargen Gegend so bettelarm, dass sie zum einen keine Wachen brauchten, da es einfach nichts zu stehlen gab. Und zum zweiten wurden die Dörfer offiziell 1850 von Großherzog Leopold von Baden aufgelöst und auf Staatskosten evakuiert. Ihre Bewohner zogen in bessere Ortschaften oder gingen nach Amerika. Die sich seit 1770 hinziehenden Auseinandersetzungen um ein eigenes Schulgebäude fanden erst mit der Schenkung eines Gebäudes in Oberferdinandsdorf durch die Markgrafen ihren Abschluß. Während der rund 143 Jahre Ferdinandsdorf konnte man nur die letzten 14 Jahre stolz auf ein eigenes Schulhaus sein. Der Kampf für bessere Bildung und Zukunft hatte 56 Jahre angedauert. Zitat des Vice Kanzlers bez. Zugeständnis eines Lehrers Ende des 18. Jhd.: "........in medio beider Ortschaften ein Schulmeister sich aufhalten sollte, damit die in denen Wäldern hier und da verstreute Jugend nicht ferner wie das unvernünftige Vieh erzogen werden möchte". Auch eine Gastwirtschaft stand man den Ferdinandsdörfern nicht zu, obwohl diese sehr notwendig gewesen wäre als Raum für Versammlungen. Noch heute sind Mauer- und Ruinenreste der verschwundenen Dörfer zu sehen. Und die zünftige, wenn auch anstrengende Wanderung fand ihren Schlusspunkt bei einer Stärkung im Gasthaus „Zum Grund“, was den lehrreichen Nachmittag perfekt und harmonisch abrundete. (L.M.)