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Genussvoller Abend in der "Historischen Spinnstube"

Schloßau. Die „Historische Spinnstube“ des Mudauer Heimat- und Verkehrsvereins begeistert unzählige Interessierte seit den unvergesslichen Heimattagen. Auch im Schloßauer Feuerwehrgerätehaus ließen sich zahlreiche Besucher von Hans Slama und den Mudauer Spinnfrauen in die Zeit von 1857 zurückversetzen.

Damals waren Schloßau und Waldauerbach zwar bitter arm, aber dennoch schuldenfrei. Und die Spinnabende waren die einzige Zerstreuung während der Zeit von Oktober bis Ende April, in der auf den Feldern wenig zu tun war. Da saßen die Frauen und Mädchen an ihren Spinnrädern, flochten Strohschuhe, strickten oder führten andere Handarbeiten durch, die Burschen schnitzten. Es wurden Geschichten erzählt, wahre und Legenden. Es wurde viel gesungen, ja sogar getanzt und keinem fiel auf, „dass kein Fernseher lief“. – Quatsch, den gab es ja noch nicht. Die Spinnstube des HVV lässt diese Zeit wieder aufleben, denn die Spinnräder standen an diesem Abend kaum still. Es wurde viel und gemeinsam – etwas stilwidrig zum Keyboard von Ortsvorsteher Herbert Münkel – gesungen. Nur das Erzählen, das übernahm ausschließlich Hans Slama als profunder Kenner der Materie. So ging er auf die Ursprünge des „Spinnens“ ein, das 4000 v. Chr. von den Chinesen entwickelt worden war. Nachweislich wurde in Schloßau schon vor 2000 Jahren von den Römern mit der Handspindel gesponnen. Das heute bekannte Tretspindelrad ist etwa seit 1530 bekannt. Weiter beschrieb Slama den technischen Ablauf des Spinnens und welche Materialien alle verarbeitet wurden und er wusste so manche Sage oder Begebenheit zu erzählen, die den kulturellen Aspekt der Spinnstuben verdeutlichten. Z. B. von den Seejungfrauen, die durch einen dummen Scherz nicht mehr zu den Spinnstuben kommen durften. Oder dass das Leining’sche Fürstenhaus das Besuchen der Spinnstuben wegen des dortigen „verruchten Treibens“ mit drakonischen Strafen belegt hatte. Aber auch, dass die Spinntechnik des Bauern ganzer Stolz auf eine eigene Tracht war. Das war die Überleitung zur Vorstellung der Mudauer Tracht, die wie die meisten Trachten, ihren Ursprung im Militärischen Bereich hatten. Das zeige sich im sogenannten Dreispitz, aber auch im eleganten Wams (rot) mit blauem Gehrock, schwarzen Kniebundhosen, weißen Trachtenstrümpfen . Die Frauen waren gut eingepackt in unendlich viele Meter Rock, dazu Bluse, Leibchen und Weste in schwarz, dazu ein edles Halstuch in bunten Farben und eine Schürze aus dem gleichen Tuch, weiße Trachenstrümpfe, schwarze Schuhe, das kostbar bestickte Häubchen und eine geflochtene Handtasche. Nach dieser Präsentation erzählte Hans Slama die Geschichten vom Dr. Weiß, dem Schloßau eigenen Christkindl und seinem Lieblingsthema, dem „Hölzerlips“, der in Galmbach sein Haus angezündet hatte, um die Wanzen zu vertreiben. Aber auch die Politik des Badischen Staates von 1850 brachte er seinem interessierten Publikum näher. Demnach versuchte man damals, auch im armen Odenwald Industrie und Handwerk anzusiedeln. Die Schloßauer erhielten Lehrer aus dem Schwarzwald, die ihnen das Strohflechten beibrachten. Zunächst mietet man 1862 ein Lokal an zur Strohflechterei. 1863 gab es in Schloßau 180 Familien als die erste Strohflechtschule ins Leben gerufen wurde. Schon zwei Jahre später betrieben 80 Personen dieses Handwerk. Aber die Bevölkerung wuchs sehr stark und jedes vierte Kind wurde hier unehelich geboren. 1869 waren 96 Personen mit Strohflechten beschäftigt und schon vier Jahre später waren es nur noch 40, 1897 gab es noch 14 Strohflechter und 1904 wurde das Gewerbe schließlich ganz aufgelöst. Abschließend dankte Ortsvorsteher Herbert Münkel Hans Slama und seinen „Spinnfrauen“ für einen Abend, der für alle Anwesenden ein Genuß gewesen war. (L.M.)